rbb exklusiv | Ehemaliger DDR-Rundfunkkomplex hat neue Besitzer - Frische Bö im Funkhaus Nalepastraße

Weltbekannt ist das frühere DDR-Rundfunkareal in Berlin-Oberschöneweide für seine einzigartige Akustik. Tonstudios, Musiker und visuelle Künstler haben sich angesiedelt. Doch Teile des Geländes rotten vor sich hin. Jetzt bringen neue Eigentümer frischen Wind. Die Subkultur befürchtet, sich warm anziehen zu müssen. Von Andrea Marshall

Der Mann legt ein Wahnsinnstempo an den Tag. Ein Kaffee in der "Milchbar", die zum Funkhaus-Gelände in Berlin-Oberschöneweide gehört. Ein Plausch mit der Café-Fachkraft, die bleiben kann und dankbar lächelt, während ihr bisheriger Betreiber gehen wird. Absprachen mit Bauarbeitern. Die Dame vom Denkmalamt hat sich angekündigt und dazu der Architekt. Das Smartphone klingelt, ein weiteres Projekt ist so gut wie spruchreif. Uwe Fabich (41) - dunkelblaue Cordhose, hellblaues Hemd, sofort beim kumpelhafen "Du" - ist der neue Boss hier. Auch wenn er es selbst wohl so nicht sagen würde.

Fabich, dem in Berlin bereits der Postbahnhof, die Kreuzberger Erdmann-Höfe sowie der Wasserturm am Ostkreuz gehören, ist mit seinem Geschäftspartner Holger Jackisch seit dem 1. Mai neuer Eigentümer des Funkhauses in der Nalepastraße. Knapp zwölf Millionen Euro sind nach rbb-Informationen dafür geflossen (siehe Infobox). Auf dem riesigen, denkmalgeschützten Ensemble aus den 1950er Jahren, in dem jahrzehntelang der DDR-Rundfunk untergebracht war, soll es nach Jahren der Stagnation jetzt gewaltig vorangehen.

 

Geschichte des Funkhauses in Bildern

Große Produktionen plus Subkultur

Manchem kommt der frische Wind der neuen Eigentümer allerdings wie eine scharfe Bö vor.

Im Herzstück des Areals, den Aufnahmestudios, Konzert- und Sendesälen mit ihrer weltberühmten Akustik, arbeiten private Musikproduzenten mit Klassik-Berühmtheiten wie dem Pianisten Lang Lang oder Daniel Barenboim, mit Popstars wie Sting oder Cro. Hörspiele wie der preisgekrönte "Ulysses" wurden hier produziert. Und die geballte Historie - die Architektur "irgendwo zwischen Bauhaus und Stalin", wie der neue Besitzer sagt – diente schon Hollywood-Stars wie Steven Spielberg und Tom Hanks als Filmkulisse. Die meisten Studios sind laut Eigentümer vermietet, offenbar läuft’s in diesem Business.

Doch es gibt eine weitere Gruppe der Kreativen: Im fünfstöckigen Haupthaus mit Turm arbeiten 150, vielleicht auch 200  visuelle Künstler und Einzelmusiker in überwiegend kleinen Ateliers. Sie haben mit ihrer Arbeit und mit Aktionen wie den "Funkhaus Open Studios" oder Konzert- und Ausstellungsreihe "Lighthaus" dazu beigetragen, das Areal attraktiver und in der Stadt bekannter zu machen, sagt der italienische Musiker Gabrielle Aicardi, einer der längsten Mieter vor Ort.

Die neuen Besitzer unterstützen nach eigenen Angaben diese Aktivitäten. Trotzdem befürchten manche Künstler, die nicht zitiert werden wollen, die Verdrängung, wenn im Funkhaus renoviert und saniert und womöglich nach wirtschaftlichen Kriterien "gesiebt" wird.

Gute Bausubstanz zwischen Ruinen-Charme

Dass auf dem Gelände einiges getan werden muss, ist unstrittig. Denn auch das gehört zum Funkhaus-Areal: Manche Gebäudeteile modern vor sich hin. Es regnet rein, Putz blättert von den Wänden, aus dem Dach der maroden Schetthallen wachsen Bäume. Das "Aroma" der DDR-Zeit – ein bestimmter Geruch wie nach Reinigungsmitteln - ist auch nach fast 25 Jahren noch wahrzunehmen. Der Vorbesitzer, der israelische Investor Albert Ben-David, hat allem Anschein nach trotz ambitionierter Pläne zu wenig investiert.

Insgesamt aber sei der Sanierungsbedarf "nicht dramatisch", die Bausubstanz sei generell gut, sagt Bauamtsleiterin Ulrike Zeidler. Genutzt werden darf das Areal laut Vorschrift als gewerbliches "Sondergebiet für Kultur und Kreativwirtschaft", Wohnungsbau ist nicht erlaubt. Kleinteilige Vorgaben werde der Bezirk den neuen Eigentümern aber nicht machen, betont Zeidler. "Sie haben es schwer genug."

Masterplan? "Ich mach' das Beste draus"

Und wie stellt sich Neueigentümer Fabich nun die Zukunft hier vor?

"Ich mach' das Beste aus dem Bestehenden", sagt Fabich. Einen Masterplan gebe es nicht. Peu à peu wolle man vorgehen, aber "mit Dynamik", so der Mann, der bereits im alten Postbahnhof einen Mix aus Konzerten, Mode- und Kunstmessen und anderen Events anbietet.

Schwerpunkt soll in jedem Fall die Musik bleiben. Große Produktionen, neue Events, viele Konzerte: Klassik im großen Sendesaal, vielleicht auch ganz andere Musikrichtungen, etwa deutscher Indie-Rock in den ehrwürdigen Klanghallen – alles ist denkbar. Kurt Masur, der fast 88-jährige berühmte Dirigent, sei ebenfalls kürzlich da gewesen. Vielleicht geht da was.

Kunst-Events oder "kleine" Künstler - oder beides?

Und die Kunst? Die Berliner "Art Week" soll im September erstmals auch in der Nalepastraße stattfinden.  Mit Künstlern aus Brasilien, wo Fabich zeitweise lebt, werde ein Austausch Rio-Berlin aufgebaut. Eine 24-Stunden-Galerie werde entstehen, in der auch die im Funkhaus ansässigen Künstler ausstellen könnten.  

Die Ateliers im Haupthaus werden aber nicht so bleiben, wie sie sind. Die ellenlangen und sehr breiten Flure sind für den Eigentümer eine Art toter Raum, den er jetzt nutzen will. Statt vieler kleiner Ateliers könnten jetzt größere entstehen, sagt Fabich. Ateliergemeinschaften könnten gebildet werden. Mit 60 oder 70 Künstler-Mietern habe er schon darüber gesprochen. Die anderen könnten ihn jederzeit anrufen. Verpflichtet sei er zu den Gesprächen nicht, hebt Fabich hervor. "Aber ich will nicht einfach Leute rausschmeißen."

"Schicke Galerien brauchen den Underground"

Doch der Gedanke an Umsetzung und Peu à Peu-Entscheidungen scheint nicht überall in der Künstlerszene gut anzukommen. Mareike Lemme vom Netzwerk "Schöneweide Kreativ" berichtet: "Uns erreichen viele besorgte Stimmen, auch aufgebrachte. Die Ateliermieter wissen nicht so recht, ob sie hier in Zukunft noch einen Platz haben. Das Informationsvakuum erzeugt Verunsicherung und Ängste." Manchen gehe es an die Existenz, andere argwöhnten, dass neue Räume mit Spreeblick wohl eher für zahlungskräftige Designer, Medien, Internet- oder "Hochglanz-Agenturen" hergerichtet werden sollen.

"Die Leute wüssten gern, wohin die Reise geht und wollen dabei auch ein Wörtchen mitreden. In den letzen vier oder fünf Jahren ist im Funkhaus eine kleinteilige internationale Community gewachsen, deren Existenz und Daseinsberechtigung man nicht ignorieren kann." Große Namen, kommerziell erfolgreiche Clubkultur - das sei eine ganz andere Liga der Kreativwirtschaft als die ansässige Kreativszene mit Subkulturevents.

Nun hofft man im Funkhaus, dass die neuen Eigentümer eines verstehen: Kunst entstehe erst einmal im Underground, bevor sie in schicke Galerien und Messen einziehen kann – "das eine geht nicht ohne das andere". Immerhin bemühe sich Neueigentümer Fabich um Verständnis, meint der Italiener Gabrielle Aicardi. Es brauche aber mehr Zeit, mehr Diskussion.

Doch Zeit ist Geld, und so hat die Renovierung der Ateliers schon begonnen. Lösungen werden noch gefunden, sagt Uwe Fabich. Und eilt weiter.

Jugend ans Spreeufer

Am Spreeufer, das zum Funkhaus-Gelände gehört, soll die große Zukunft ebenfalls bald anfangen. "In welcher Stadt gibt es solche tollen Flächen direkt am Fluss?" schwärmt Uwe Fabich.

Vom Boot aus habe er das Gelände überhaupt erst entdeckt. Als es zum Verkauf stand, habe er sein Glück kaum fassen können und binnen eines Tages den Vertrag unterschrieben.

"Die ganze Karawane von Leuten, die Berlin in den 1990er Jahren cool fanden, zieht jetzt ans östliche Spreeufer. Hier geben wir den ganz jungen Leuten Spielraum", so der 41-Jährige. "Die Jugend", das ist seine Zielgruppe.

Cooler Retroshuttle geplant

Zwei bis drei neue Restaurants sollen so bald wie möglich am Ufer aufmachen, vielleicht auch erst einmal "Pop-up"-Gastronomie. Low Class-Firmen wie die KFZ-Werkstätten passten jedenfalls nicht mehr ins Konzept: Sie haben die Kündigung schon erhalten.

Gesucht wird noch ein "cooles Boot", das zum Retrocharme des alten Ensembles passt - es soll ein Boot-Shuttle eingerichtet werden, der die Strecke vom Postbahnhof nach Oberschöneweide in nur 15 oder 20 Minuten schafft. "Haben Sie einen Tipp?" fragt Uwe Fabich. Vielleicht muss auch erst einmal ein ordinäres Boot her. Es muss ja schnell gehen. Der Mann legt, wie gesagt, ein Wahnsinnstempo an den Tag.

Beitrag von Andrea Marshall

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